Hintergrund
Nachhaltiges Handeln erfahrbar machen
Die Station „Alles oder Nichts?“ basiert auf dem Simulationsspiel „Fishbanks“, das sich mit der Nutzung natürlicher Ressourcen am Beispiel des Fischfangs befasst. Entwickelt wurde die Simulation von Dennis Meadows, emeritierter Professor der Sozialwissenschaften und Autor der Studie „Die Grenzen des Wachstums“. Anhand dieser Simulation können Spielende in einem Selbsterfahrungsprozess die Prinzipien ökologischer Nachhaltigkeit sowie die Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung kennenlernen. Der spielerische Zugang soll es den Teilnehmenden ermöglichen, sich die Folgen des eigenen Handelns in komplexen Systemen vorzustellen und aus typischen Verhaltensmustern und Konkurrenzdenken auszubrechen, um stattdessen zu kooperieren.
Die Tragik der Allmende
Bei der Simulation der Befischung eines Meeres werden die Zielkonflikte und sozialen Dilemmata, die bei der Nutzung von Allmendegütern allgegenwertig sind, spürbar. Allmendegüter sind (natürliche) Ressourcen, die für viele Personen frei zugänglich und nutzbar sind und um die zugleich konkurriert wird. Bei Allmendegütern wird niemand von der Nutzung ausgeschlossen, doch je mehr sich eine Person an dem Gut bedient, desto weniger bleibt für die anderen übrig. Diese Ausgangslage erzeugt ein Dilemma. Damit die wertvollen Ressourcen auch langfristig genutzt werden können, ist es für die Gemeinschaft erstrebenswert, dass sich alle nur zurückhaltend am Gut bedienen. Für eine einzelne Person lohnt es sich jedoch möglichst viel zu konsumieren.
Im Kontext des Simulationsspiels wird die daraus entstehende Problematik der Übernutzung deutlich. Zunächst dürfen die Spielenden so viel Fisch fangen, wie sie möchten. Dabei führt eine höhere Fangquote zu einem größeren Gewinn, denn wer mehr fängt kann hinterher auch mehr verkaufen. Dabei werden die Grenzen der Nachhaltigkeit schnell überschritten. Zwar ist den meisten bewusst, dass unkooperatives Verhalten am Ende für alle zu Verlusten führt, doch lässt es sich dennoch nur schwer aushalten selbst zu verzichten, während die anderen mit vollen Kuttern in den Hafen zurückkehren. Am Ende schadet das Denken und Handeln nach dem eigenen kurzfristigen Interesse dem Fortbestand der Fischpopulation und damit dem Wohlergehen der Gemeinschaft.
Konkrete Beispiele, an denen sich diese Tragik in der Realität zeigt, sind die Gefährdung von maritimen Ökosystemen durch nicht nachhaltige Fangzahlen im Mittelmeer und im Schwarzem Meer, wo 58 % der kommerziell genutzten Bestände außerhalb der biologisch nachhaltigen Grenzen befischt werden (FAO 2023.), die Belastung von Grundwasser und Oberflächengewässern bedingt durch die Landwirtschaft und Tierhaltung in Neuseeland (MEaS NZ 2019) oder die Verschlechterung der Luftqualität durch Autos in deutschen Städten (BUND 2021).
Kann das Dilemma aufgelöst werden?
Ein ökologisch nachhaltiges und sozial gerechtes Nutzen von Allmendegütern im Lokalen (die Nutzung eines Stadtparks) wie auch im Globalen (der Fischfang in internationalen Gewässern) könnte gelingen, wenn die Rahmenbedingungen sich verändern. Die Nutzung von Allmendegütern unterliegt meist keinen einheitlichen Regeln. Sie ist abhängig von einer Nutzgemeinschaft mit vielfältigen Bedürfnissen, Interessen und Abhängigkeiten. Zugleich sind im globalen Kontext viele Länder beteiligt, wodurch politische Spannungen entstehen können. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom entwickelte anhand der Analyse von 100 Feldstudien acht sogenannte „Design-Prinzipien“ einer erfolgreichen Organisation von Allmendegütern. Dabei handelt es sich um andere „Spielregeln“, welche die Kooperation zwischen den Handelnden einer Nutzgemeinschaft erleichtern können. Eines ihrer acht Prinzipien sind „Gemeinschaftliche Entscheidungen“. Im Kontext des Fischfangs könnte dies die Einigung auf Fangquoten, die ökologisch verträglich und sozial gerecht sind, sein. Andere Prinzipien sind zum Beispiel eindeutige und akzeptierte Grenzen zwischen legitimen Nutzer*innen; Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen gegen vereinbarte Regeln oder ein präzises Monitoring der Ressource und ihrer Nutzer*innen.
Weiterführendes Material
Stollorz, Volker (2011), Elinor Ostrom und die Wiederentdeckung der Allmende. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/33204/elinor-ostrom-und-die-wiederentdeckung-der-allmende/
Eine komplexere Variante des Simulationsspiels von Dennis Meadows, John Sterman and Andrew King: https://mitsloan.mit.edu/teaching-resources-library/fishbanks-a-renewable-resource-management-simulation
FAO (2023), The State of Mediterranean and Black Sea Fisheries 2023 – Special edition. General Fisheries Commission for the Mediterranean. Rome. https://doi.org/10.4060/cc8888en
Ministery for the Environment & Stats NZ (2019). New Zealand’s Environmental Reporting Series: Environment Aotearoa. https://www.documentcloud.org/documents/5954379-Environment-Aotearoa-2019-Embargoed.html
BUND (2019), Die Luftqualität in deutschen Städten. https://www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/so-steht-es-um-die-luftqualitaet-in-deutschen-staedten/
Reflexionsanstoß Wo siehst du die „Tragik der Allmende“ in deiner Umgebung?
Welche Lösungsansätze gibt es oder fallen dir ein?


