Ideen für eine Welt von morgen

Hintergrund

Über die Zukunft nachdenken

Wie sieht das Leben in Deutschland oder in Mosambik im Jahr 2050 aus? Wie sieht eine Stadt der Zukunft aus? Wie wird gearbeitet und gereist? Wie stellst du dir ein gutes Leben für alle im Jahr 2050 vor?

Futurismus und Utopismus

Der amerikanische Historiker und Philosoph Murray Bookchin sah zwei grundlegende Möglichkeiten, sich die Zukunft vorzustellen. In der einen baut die Zukunft auf denselben Voraussetzungen auf, die wir auch in der Gegenwart vorfinden. Das nannte er Futurismus (Thapa, Gebauer, 2021). Ein Beispiel dafür ist, dass E-Autos gebaut werden, da erkannt wurde, dass die Ressourcen für Verbrenner-Motoren zu Ende gehen. Hierbei bleibt das zugrundeliegende Konzept bestehen, es wird nur angepasst und optimiert. Die zweite Art, sich die Zukunft vorzustellen, ist der Utopismus, der noch einen Schritt weiter geht: Hier wird über das bisherige Konzept des Individualverkehrs hinaus gedacht und nach weiteren Möglichkeiten gesucht, wie zum Beispiel Mobilität ganz anders, zukunftsfähig gestaltet werden kann. 

Utopisches Denken

Diese Art zu denken wird in öffentlichen Debatten und auch im Privaten oft schnell abgetan und als „unrealistisch“ und „nicht zielführend“ bezeichnet, weil die bestehenden Bedingungen als unveränderlich angesehen werden. Somit wird verhindert, dass Ideen entstehen können, die darauf abzielen, Alternativen zu derzeitigen Lebens- und Produktionsweisen, aber auch Denkweisen aufzuzeigen. Die Visionen der Zukunft, die dann entstehen, bleiben daher nah an der Gegenwart und laufen darauf hinaus, dass bestehende Ansätze optimiert, nicht aber neue Ansätze entwickelt werden können. 

Um aber Herausforderungen wie der Klimakrise begegnen zu können, ist es wichtig, sich die Zukunft auch außerhalb festgefahrener Denkmuster überhaupt erst einmal vorstellen zu können. So sagt die Wissenschaftlerin Jana Gebauer trefflich „Um zu verändern, was geworden ist, müssen wir vorstellbar machen, was kaum noch vorstellbar ist“ (Gebauer, 2022, S. 225). Dabei geht es erst einmal nicht darum, den Anspruch zu haben, ein vollständig durchdachtes Konzept der Zukunft zu liefern. Stattdessen geht es um den Prozess des Sich-Vorstellens einer Zukunft, die nicht nur auf den heutigen gesellschaftlichen Vorstellungen basieren muss, sondern neue Wege geht. Jana Gebauer betont die Wichtigkeit dieser Art zu denken, weil so die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, neue Ansätze zu entwickeln. Diese können – neben dem Weiterführen von bestehenden Ideen – sowohl dabei helfen, zukünftigen Herausforderungen zu begegnen. Wenn wir konkrete Vorstellungen von einem guten Leben für alle haben, fällt es uns leichter, uns für genau diese Vorstellungen auch einzusetzen.

Die Utopie als Produktivkraft und Motivator für Transformationsprozesse

Für den Sozialpsychologen Harald Welzer ist es besonders wichtig, Utopien mit einer positiven Konnotation zu assoziieren. Er postuliert, dass beispielweise die Verknüpfung der Vorstellung einer nachhaltigen Zukunft mit Verzicht, Verbot und Verlust denjenigen in die Karten spiele, die gegen diese Utopie sind (Carstens 2019). Dass positive Utopien ein Motor für Transformationsprozesse sind, betont auch Jens Beckert, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung: „Imagination, Antizipation und Sehnsucht, die auf die Zukunft gerichtet sind, haben fundamental zur modernen gesellschaftlichen Entwicklung beigetragen: Menschenrechte, Meinungsfreiheit, die Gleichberechtigung der Frau, die Vereinten Nationen und selbst die Demokratie, waren einst fernliegende Utopien, deren Kraft letztendlich zu revolutionären Entwicklungen führte“ (Zentrum für Realutopien).

Weiterführendes Material:
•    Philipp Thapa, Jana Gebauer (2021): Das Utopische als Qualitätsmerkmal. In: ÖkologischesWirtschaften, 36 (3), Seite 28–29
•    Jana Gebauer (2022): Imagine Otherwise. Fantastische Perspektiven auf Arbeit in der Transformation. In: Otto Brenner Stiftung (Hrsg.): Welche Arbeit machen wir? Zur Zukunft von Wirtschaft, Natur und Kultur, S. 219-238. Download unter https://www.otto-brenner-stiftung.de/wissenschaftsportal/publikationen/titel/welche-arbeit-machen-wir/aktion/show/
Als Podcast hörbar unter: www.podcast.de/podcast/3133672/das-gute-lesen
•    Carstens, Peter (2019): Harald Welzer im Interview. Warum wir mehr Utopie wagen sollten. Online verfügbar unter: https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/21948-rtkl-harald-welzer-im-interview-warum-wir-mehr-utopie-wagen-sollten
•    Zentrum für Realutopien: https://www.realutopien.de/unser-warum/positive-zukunftsvisionen/

Reflexionsanstöße:
•    Wie stellst du dir eine Zukunft vor? Versuche, dir eine Zukunft vorzustellen, die nicht auf den derzeitigen gesellschaftlichen Vorstellungen aufbaut.
Welche gesellschaftlichen Vorstellungen sollte eine Zukunftsvision überdenken, welche sollte sie erhalten?