Geschichten des Gelingens

Hintergrund

Die Welt ist voller Lösungen

Ein Mode-Label in Mexiko, dessen Arbeiter*innen zu fairen Löhnen nachhaltige Kleidung herstellen, Goldschürfer*innen in Costa Rica, die von ihren Erträgen selbst profitieren und ein gemeinschaftlich angelegter Garten inmitten von der Großstadt Guadalajara, Mexiko: All das sind „Geschichten des Gelingens“, also Beispiele dafür, dass Menschen bereits jetzt alternative Lebens- und Produktionsweisen praktizieren, die weniger auf Ausbeutung der Natur und anderer Menschen ausgelegt sind. Stattdessen weisen sie Wege in eine sozial gerechtere und ökologisch nachhaltigere Zukunft.

Diese gelebten Alternativen und positive Entwicklungen finden wir nicht nur in der Ferne, sondern auch in Europa, Deutschland und in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Dies zeigen zum Beispiel die Repair Cafés in Bielefeld oder die Friedensfördernde Energiegenossenschaft in Herford.

Nachrichten über die verschiedenen sozial-ökologischen Krisen sind allgegenwärtig und können zur Abstumpfung oder einem Gefühl der Machtlosigkeit führen. Aber es gibt eben auch die „Geschichten des Gelingens“, von denen wir einige mit dieser Station sichtbar machen wollen.
Sie können Zuversicht schenken und die Motivation sein, um auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene zu einer zukunftsfähigen Welt beizutragen. Der Pädagoge Thomas Hoffmann spricht dabei von einem „lösungsorientierten Ansatz“ (Hoffmann: 2021). Hier soll die Lösung eines Problems im Vordergrund stehen, nicht das Problem selbst.

Was heißt hier eigentlich „Gelingen“?

Es ist manchmal gar nicht so einfach, festzulegen, was „Gelingen“ überhaupt bedeutet, da es anhand verschiedener Perspektiven bewertet werden kann. Zuerst sollen wir uns also darüber klarwerden, aus welcher Perspektive ein Projekt als eine gelebte Alternative eine „Geschichte des Gelingens“ gesehen werden kann. Die Basis für die „Geschichten des Gelingens“, die wir in der Station präsentieren, bildet die Frage: „Inwiefern trägt das Projekt zu einer solidarischen Lebens- und Produktionsweise bei, die weniger auf Kosten anderer Menschen und der Umwelt geht?“. Wie würdest du diese Frage bei den einzelnen Geschichten beantworten?
Darüber hinaus kann auch nach der Reichweite der jeweiligen Geschichte gefragt werden: Welche Herausforderungen können mit dieser „Geschichte des Gelingens“ bewältigt werden? Welche Weiterentwicklung der „Geschichte des Gelingens“ müsste es geben, damit noch offene Probleme gelöst werden könnten?

Arten des Gelingens

Eine Geschichte des Gelingens kann sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen bewegen und verschiedenste Reichweiten erzielen: Von Lösungen im ganz Kleinen bis hin zu Veränderungen auf politischer Ebene in der Gesetzgebung eines Landes oder Staatenverbundes. Das I.L.A. Kollektiv ist eine Gruppe von jungen Wissenschaftler*innen, die sich in Theorie und Praxis mit dem Wandel hin zu solidarischen Lebensweisen beschäftigt. Sie untersuchen, auf welchen unterschiedlichen Ebenen wir „Geschichten des Gelingens“ benötigen, um einen Wandel in zu einer sozial gerechteren und ökologisch nachhaltigeren Zukunft gesamtgesellschaftlich zu schaffen., Dazu haben sie ein Matrix zur Kategorisierung von „Geschichten des Gelingens“ erstellt (I.L.A. Kollektiv: 2022, Seite 94).

Ein Wandel, eine Veränderung kann auf der Ebene des alltäglichen Handelns (Alltagspraktiken) der einzelnen Menschen stattfinden (zum Beispiel Konsumverhalten), es können materielle Infrastrukturen (zum Beispiel Parks oder Zuglinien) geschaffen werden und es können politische Infrastrukturen (Gesetze oder Institutionen) verändert bzw. geschaffen werden. Auf diesen drei Ebenen können Menschen versuchen, „imperiale Lebensweisen“ zurückzudrängen. Imperiale Lebensweisen sind Produktions- und Konsummuster, die darauf basieren, dass Menschen und Natur ausgebeutet und Menschenrechte verletzt werden – nicht nur, aber insbesondere im globalen Süden. Diese Lebensweisen verursachen soziale und ökologische Folgen wie beispielsweise Hungerlöhne für Produzent*innen oder Umweltverschmutzungen. Diese Folgen werden von den Verursacher*innen in Raum und Zeit externalisiert, d. h. ausgelagert auf andere Regionen oder auf künftige Generationen. Diese Lebensweisen sind nicht verallgemeinerbar. Das bedeutet, nicht alle Menschen auf der Welt könnten so leben (Brand/Wissen: 2017). 


Menschen versuchen außerdem, alternative, solidarische Lebensweisen – also solche, die nicht auf Ausbeutung von Menschen und Natur basieren – auszuweiten. Ein weiterer Schritt kann die Absicherung dieser solidarischen Lebensweisen sein. In Form konkreter Gesetze oder neuer Infrastrukturen können sie so fest verankert werden, dass sie gegen eine Rücknahme abgesichert sind.

Am Beispiel der „Geschichten des Gelingens“, die an der Station erzählt werden, kann die Idee der Matrix deutlich gemacht werden:

Der Film „Die Augen des Meeres“ zeigt Menschen, die gegen den Bau eines „Mega-Hafen“ protestieren, der u. a. die Lebensräume von Tiere zerstört. Durch diesen Protest versuchen sie, auf der Ebene der „materiellen Infrastruktur“ imperiale Lebensweise abzuwehren.

Die Repair Cafés in Bielefeld knüpfen an individuellen Alltagspraktiken an. Anstatt Dinge wegzuwerfen und durch neue zu ersetzen, werden sie repariert und dadurch Ressourcen geschont. Diese müssen nicht gewonnen, verarbeitet und transportiert werden, was der Umwelt zugutekommt. Mit der Etablierung von Repair Cafés werden solidarische Lebensweisen ausgeweitet. Solidarische Lebensweisen werden zudem abgesichert, indem Wissen und Kompetenzen zu Reparaturen vermittelt und geteilt werden.

Das Beispiel des Gesetzes gegen Plastiktüten und andere Produkte aus Kunststoff in dem Inselstaat Vanuatu zeigt, wie eine solidarische Lebensweise auf legaler Ebene verankert und damit abgesichert werden kann.

Die Matrix kann hilfreich sein, wenn du nach Möglichkeiten suchst, dich zu engagieren, um eine Veränderung voranzubringen. Als Übung kannst du versuchen, die anderen „Geschichten des Gelingens“ in die Matrix einzuordnen. Die Übergänge sind dabei fließend und es geht in erster Linie nicht um die richtige Einordnung. Vielmehr kannst du ein Bewusstsein dafür bekommen, dass Veränderungen auf verschiedenen Ebenen ansetzen können. Um eine gesamtgesellschaftliche Transformation hin zu einer nachhaltigen Welt herbeizuführen, sind jedoch „Geschichten des Gerlingens“ in allen Bereichen der Matrix notwendig.  Jede*r kann aber auf ihre oder seine Weise dazu beitragen.


Weiterführendes Material:
•    I.L.A. Kollektiv (2022): Die Welt auf den Kopf stellen. Oekom Verlag.  https://www.ilakollektiv.org/die-welt-auf-den-kopf-stellen.html (kostenloser Download)
•    Thomas Hoffmann (2021): Globale Herausforderungen und SDGs – ein strikt lösungsorientierter Unterrichtsansatz. In: Eberth, A.; Meyer, C. (Hrsg.): SDG Education: Didaktische Ansätze und Bildungsangebote zu den Sustainable Development Goals. Hannover: Institut für Didaktik der Naturwissenschaften, Leibniz Universität Hannover, 2021 (Hannoversche Materialien zur Didaktik der Geographie; 11), Seite 33-41. (Eine Kurzversion des Artikels ist hier abrufbar: https://doinggeoandethics.com/2022/01/24/globale-herausforderungen-und-sdgs-ein-strikt-losungsorientierter-unterrichtsansatz/
•    Weitere Geschichten des Gelingens sind auf diesen Plattformen zu finden:
o    Global Stories: https://global-stories.de/
o    Zukunftsarchiv/Karte des Gelingens: https://futurzwei.org/zukunftsarchiv

Reflexionsanstöße
•    Was hat das Lesen der „Geschichten des Gelingens“ in dir ausgelöst? 
•    Welche „Geschichten des Gelingens“ motivieren dich und warum?