Hintergrund
Das ständige Streben nach Wachstum
Im Beruf erfolgreich sein und viel Geld verdienen, das neuste Smartphone besitzen und samstags zum Shoppen in die Stadt: Das alles sind Wünsche, Denkweisen und Leitbilder, die gesellschaftlich tief verankert sind. Viele richten sich danach, ohne zu hinterfragen, warum sie es eigentlich tun, ob sie es wirklich wollen und ob sie es vielleicht auch anders denken und machen könnten. Der Grund ist, dass uns diese Wünsche, Denkweisen und Leitbilder durch unser Aufwachsen als völlig normal erscheinen. Und so streben wir vielleicht nach dem neusten Smartphone, obwohl wir die Neuerungen gar nicht brauchen – ganz nach der Steigerungslogik: immer besser, schneller, höher.
Tatsächlich wird unser Handeln u. a. beeinflusst durch Denkweisen, die der Sozialpsychologe Harald Welzer mentale Infrastrukturen des Wachstums nennt (Welzer 2011). Bei dieser Art zu denken steht das Wachstum und das Steigern im Vordergrund: wir wollen oder sollen die Karriereleiter aufsteigen und den schnellsten Laptop besitzen. Das neueste Smartphone oder ständig neue Kleidung zu kaufen erscheinen erstrebenswert.
Das oftmals unbewusste Handeln nach diesem verinnerlichten Wachstumsdenken führt häufig zu einem immer höheren Ressourcenverbrauch und trägt somit dazu bei, dass die Treibhausgasemissionen steigen. Diese sind eine Ursache für die Klimakrise.
Woher kommt dieses Streben nach mehr?
Das Wachstumsdenken ist in vielen Gesellschaften über längere Zeit entstanden und hängt eng mit der Industrialisierung und anderen Entwicklungen zusammen. Kerngedanke ist hierbei, dass Wachstum gleichgesetzt wird mit Fortschritt. Zwar erfahren wir das Wachstumsdenken individuell, Harald Welzer und andere Wissenschaftler*innen konnten aber zeigen, dass es ein gesellschaftliches Phänomen ist. Es lässt sich also nicht auf einzelne Menschen zurückführen, sondern ist ein Ergebnis gesellschaftlicher Entwicklung. Viele Menschen leben in Gesellschaften, die auf Steigerung und Wettbewerb ausgerichtet sind. In solchen Gesellschaften ist es normal, z. B. in der Schule für Leistungen benotet zu werden und dass nach jeder Klassenarbeit der Notenspiegel angeschrieben wird, um sich mit anderen zu vergleichen. Dies bedeutet, das Wachstumsdenken ist gesellschaftlich produziert, wird aber von Individuen auch reproduziert.
Gesellschaftliche und individuelle Denkweisen und Werte können aber auch ganz anders ausfallen. Dies zeigt z. B. die Lebensphilosophie oder Einstellung „Ubuntu“ in Ländern im Süden Afrikas. Ubuntu bedeutet „Ich bin, weil du bist“. Es geht um das Bewusstsein, dass Menschen aber auch die Natur nicht voneinander isoliert bestehen –– sondern in Verbundenheit. Hier stehen nicht das Individuum und das Streben nach mehr, sondern die Gemeinschaft, das Teilen und füreinander Sorgen im Fokus (Welthaus Bielefeld 2020).
Dann kann ich ja nichts dafür, dass ich so denke!
Ganz so einfach ist es dann auch nicht. Wenn alle weiterhin im Wachstumsdenken verharren, wird sich nichts ändern. Es ist möglich, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen und sich gegen ein „immer mehr, immer besser“ zu entscheiden. Mehr noch, es braucht Menschen, die umdenken und anders handeln, damit ein gesellschaftlicher Wandel entstehen kann.
Nachhaltigkeit braucht einen gesellschaftlichen Wandel in unseren Köpfen
Um der Ressourcenverschwendung und der Klimakrise entgegenzuwirken, braucht es einerseits Entscheidungen von Politiker*innen. Das „Recht auf Reparatur“ muss umgesetzt werden und Unternehmen müssen ihre Produktionen klimafreundlicher gestalten. Aber mindestens genauso wichtig ist es, dass Gesellschaften das Wachstumsdenken aufbrechen und gemeinsam überlegen, was genug ist für ein gutes Leben. So können wir vom Wachstumsdenken zum Suffizienz-Denken kommen, bei dem es darum geht, zu überlegen, wie viel wir eigentlich brauchen (BUND, BUND Jugend 2017).
Wir sind gesellschaftlichen Normen nicht ausgeliefert und können uns dafür entscheiden, anders über Dinge zu denken und anders zu handeln. Jede*r von uns kann sich überlegen, ob das Wachstumsdenken weiterhin bestimmend sein soll oder ob Bedürfnisse auch anders erfüllt werden können. Schließlich macht mehr Konsum nicht zwingend langfristig glücklich. Die Fragen sind also: Was ist genug? Was ist mir wichtig?
Weiterführende Materialien:
• Welzer, H. (2011): Mentale Infrastrukturen – Wie das Wachstum in die Seelen kam. Heinrich-Böll-Stiftung. Abrufbar unter: https://www.boell.de/de/oekologie/publikationen-mentale-infrastrukturen-schriften-oekologie-11871.html
• BUND, BUND Jugend (2017): Ein gutes Leben für alle! Eine Einführung in Suffizienz.
Abrufbar unter: https://www.bund-bawue.de/fileadmin/bawue/Dokumente/Themen/Nachhaltigkeit/Suffizienz_Gutes_Leben_fuer_Alle_web.pdf
• Welthaus Bielefeld (2020): Errungenschaften Afrikas als Unterrichtsthema. UE 6: Afrikanische Philosophie – Ubuntu, Seite 39-47
Reflexionsanstöße:
• Gibt es Themen, bei denen du merkst, dass dein Denken von einem „Wachstumsdenken“ geprägt ist?
• Fallen dir andere Beispiele ein für Denkmuster, die du übernommen hast, aber hinterfragen möchtest?


