(Un-)Mögliche Strukturen

Hintergrund

Die freie Wahl – oder nicht?

Eine Person hat im Alltag viele Gelegenheiten, sich für ein nachhaltiges  Handeln zu entscheiden. Je nachdem, welche Infos und wie viel Geld zur Verfügung stehen oder wie schnell die zu treffen ist, hat unser Verhalten auch Auswirkungen auf andere Menschen und die Umwelt. Wie nachhaltig eine individuelle Konsumentscheidung ist, wird aber auch stark von den politischen Rahmenbedingungen bestimmt. Die aktuellen Rahmenbedingungen in Deutschland führen oftmals noch zu einem Leben auf Kosten anderer und der Natur.

Am Galtonbrett (benannt nach dem britischen Naturforscher Francis Galton) werden diese Rahmenbedingungen sichtbar, die unsere Entscheidung prägen. Bei diesem mechanischen Modell laufen Kugeln von oben herab durch ein Feld mit symmetrisch angeordneten Hindernissen. An jedem Hindernis biegt die Kugel entweder nach links oder rechts ab und landet unten schließlich in einem Fach.
An dieser Station wählen die Ausstellungsbesucher*innen eine von vier Einstellungen, die jeweils einen anderen Weg für die Kugeln vorgeben. An der Menge der Kugeln, die sich in den vier Auffangfächern sammeln, ist abzulesen, welches Handeln unter einer bestimmten Einstellung mehr oder weniger wahrscheinlich ist. Das Modell aus Holz und Tischtennisbällen macht also haptisch nachvollziehbar , was auch mathematisch berechnet werden kann: die Binominalverteilung.

Was machst du, wenn dein Handy defekt ist?

Das Galtonbrett zeigt in unserem Fall an: Bei einer bestimmten Einstellung entscheiden sich unterschiedlich viele Menschen – jede Kugel im Auffangfach steht am Ende für eine Person – für eine von vier Aktionen. Es wird erkennbar: Wie wahrscheinlich ist es, dass Menschen ihr defektes Handy durch ein neues, konventionelles Gerät ersetzen oder ein gebrauchtes Handy kaufen oder sich für eine Reparatur entscheiden oder aber ein fairer produziertes Smartphone kaufen? Je mehr Kugeln in einem Fach landen, desto wahrscheinlicher ist diese Entscheidung bzw. desto mehr Menschen treffen diese Entscheidung.

Die Datenbasis unserer Simulation

Hinter dem mechanischen Modell stecken komplizierte Berechnungen der prozentualen Wahrscheinlichkeit, auf welche Art sich die Kugel am Hindernis bewegt und seitlich in den linken oder rechten Schacht fällt. Bei diesen Berechnungen wurden wir vom Mathematikum Gießen sowie einer Mathematiklehrerin vor Ort unterstützt.
In der untersten horizontalen Zeile mit Hindernissen führen die Schächte zu den Auffangfächern. Die Breite der Auffangfächer, wie viele Schächte also zu einem der Fächer führen, entspricht in der Grundeinstellung den Wahrscheinlichkeiten entsprechend der aktuellen Gesetzeslage. Diese Größe der Fächer wurden auf der Basis mehrerer Studien ermittelt:

1) Hipp, Tamina/Jaeger-Erben, Melanie/Frick, Vivian (2021)/BMBF-Nachwuchsgruppe Obsoleszenz (Hrsg.): Nutzungsdauern elektronischer Geräte zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ergebnisse einer Repräsentativerhebung zu lebensdauerrelevanten sozialen Praktiken von Nutzer*innen in Deutschland

2) European Comission/Fraunhofer IZM, Fraunhofer ISI, Vito (2021): Ecodesign preparatory study on mobile phones, smartphones and tablets. Final Task 3 Report. Users (product demand side) (Metastudie International)

3) eigene Online-Umfrage des Welthaus Bielefeld

Die Nachwuchsgruppe Obsoleszenz kommt zu dem Ergebnis, dass 71 % der Befragten ein neues Gerät kaufen, 13 % ihr Gerät reparieren lassen oder es selbst versuchen zu reparieren sowie 7 % ein gebrauchtes Handy von Bekannten übernehmen. 8 % fragen zuerst andere um Rat – die Entscheidungen danach fließen nicht in die Studie ein. Diese repräsentative deutsche Befragung haben wir als Orientierungspunkt für die Zusammenfassung zu den Auffangfächern gewählt. Da die Auffangfächer mathematisch nicht automatisch die in der Studie ermittelten prozentualen Anteile abbilden, haben wir die naheliegendste Aufteilung vorgenommen. Deshalb liegen folgende Wahrscheinlichkeiten in unserem Spiel in der Grundeinstellung vor: Für das Fach „Neu kaufen“ liegt die Wahrscheinlichkeit in der Grundeinstellung bei 82 %, für die Fächer „Reparieren“ und „Gebraucht kaufen“ bei jeweils knapp 9 %, für die beiden Fächer „Fair kaufen“ bei 0,01 %.

Für die Wahrscheinlichkeiten bei einer der drei anderen Einstellungen – entsprechend denkbarer Gesetzesänderungen über eine modulare Bauweise, einen Reparaturbonus oder eine Vorschrift zu Software-Updates – gab es weniger repräsentative Daten. Laut der genannten Studien sind Modularität sowie Reparaturbonus starke Anreize für einen Wechsel von Neukauf zu Reparatur. Um über ein gebrauchtes Handy nachzudenken, stellen Infos über den Zustand des Geräts sowie eine verlängerte Software-Garantie gute Gründe dar. Zudem hat eine vom Welthaus Bielefeld durchgeführte, nicht repräsentative Online-Umfrage Auskunft über die Wirkung dieser Anreize geliefert.

Das „Kleingedruckte“: was kann unser Galtonbrett leisten?

Beim Bau des Modells waren einige Entscheidungen zu treffen: Wie viele Kugeln sind unterwegs? Wie hoch ist die Genauigkeit der Darstellung? Zu beachten ist: die Elemente aus Holz als natürlichem Rohstoff „arbeiten“ durch Temperatur und Luftfeuchtigkeit und sind auch durch die Produktion in Handarbeit nicht so genau wie mathematische Berechnungen.
Durch die Spielanordnung im Galtonbrett bleibt daher ein bisschen der Zufall im Spiel und die angezeigten Ergebnisse können immer auch etwas anders ausfallen. Das Ergebnis würde umso genauer ausfallen, wenn mehr Kugeln im Einsatz wären. Insgesamt ist diese Station folglich nicht als repräsentative Darstellung der Entscheidungen unserer Mitmenschen, sondern vor allem als didaktisches Spiel konstruiert. Es regt an, darüber nachzudenken, welchen Einfluss politische Strukturen auf das individuelle Verhalten haben. Und diese Strukturen sind veränderbar!